Sydney 22 - Anzac Day und LLYODIE!
Jetzt sind
schon wieder dreieinhalb Wochen seit meinem letzten Blogeintrag vergangen. Ich inkonsequentes
Ding, ich … Inzwischen war ich in Ulladulla, etwa dreieinhalb Stunden südlich
von Sydney und habe den Anzac Day in Milton verbracht. Das ist Gedenktag des
Australischen und Neuseeländischen Armee Corps des 1. Weltkrieges. Aber dazu
später mehr. Ich war am Postgraduate
Ball. Den Cinco de Mayo feierte ich mit
der Society of Global Exchange. Hatte ein erfolgloses Bewerbungsgespräch und
hatte mein erstes Rugby League Training. Zudem habe ich jetzt meine erste
australische Erkältung hinter mir und sah im Stadion live wie die Giants die
Magpies besiegten.
In der
Woche des Ostermontags hatten wir eine Woche Ferien an der Uni. Ich faulenzte
nur ein wenig. Ich hatte ja schon wieder eine neue Idee. Der Anzac Day fand in
der Woche darauf am Dienstag statt. Dies ist für Australier ein Gedenktag, den sie
den Australischen und Neuseeländischen Soldaten, die auf der türkischen
Halbinsel Gallipoli während des ersten Weltkrieges landeten, widmen. Das ist
ein nationaler Feiertag hier mit den dazu passenden Traditionen. Ich wollte mir
das natürlich nicht entgehen lassen und dachte mir, dass man das mit einer
kleinen Reise verbinden könnte.
Zuerst
suchte ich mir einen Ort, der nicht zu weit von Sydney entfernt war und ein
Anzac Day Programm hatte. Ich stiess auf Ulladulla und das Nachbardorf Milton.
Es war klein und fein, inklusive Strand (Mollymook Beach). Ich ging auf die Air B’n‘B Webseite und
buchte eine Unterkunft.
Ich musste
gerade in meinen SMS nachschauen, was ich noch in der Woche getan habe. Ich werde
vergesslich. Ich habe irgendein Essay eingereicht. Man möchte hoffen, dass es nichts
Gravierendes war. Am Freitagabend darauf wollte ich raus gehen, aber niemand
hatte Zeit. So ging ich ins Courthouse Hotel in Newtown. Ein netter Pub in der
Nähe. Ich schaute mir das Rugby League Spiel mit den Canberra Raiders gegen die
Manly Seaguls an. Ich bin für die Canberra Raiders. Sie haben einen
Wikingerkopf als Symbol. Das reicht mir als Grund vorerst aus. Ausserdem hat
mich David mal gefragt, für welches Team ich bin und ich dachte, da kann ich ja
auch spontan entscheiden. Leider verloren die Raiders 18 zu 20 gegen die
vermaledeiten Manly Seaguls.
Ich habe
das Ende nicht ganz mitbekommen, da sich ein sehr betrunkener Typ mit einem
Kesselchen Maltesers zu mir an den Bartisch setzte und ein Gespräch anfing. Es
war recht unterhaltsam. Irgendwann kam sein Bruder, das Geburtstagskind, zu uns.
Er meinte zu ihm, dass sie weiterziehen würden und ob er auch käme. Er meinte,
nö, er bleibe hier.
Es ist
etwas nervig. Ich habe es als Frau hier etwas schwer, männliche Freunde zu
finden. In der Schweiz war das ganz normal für mich mit Männern und Frauen
befreundet zu sein. Das läuft hier etwas anders. Angenommen ich gehe an ein
Konzert und plaudere draussen zwischen zwei Sets mit einer Gruppe von Leuten.
Rede ich mit einem Mann der Gruppe und er ist single, verdünnisieren seine
Freunde sich ziemlich schnell. Damit sie nicht im Weg stehen, nehme ich an. Das
ist ja alles schön und gut, nur flirte ich nicht mit dem Mann. Ich unterhalte
mich.
Ich sagte
dem Betrunkenen mit den Maltesern noch: „ Lass uns mit deinem Bruder mitgehen.
Das klingt doch toll.“. Aber keine Chance, er wollte bleiben und sich mit mir
alleine unterhalten. So trank ich noch aus und verabschiedete mich von ihm.
Es war noch
recht früh, weshalb ich ins Kelly‘s ging, nicht weit vom Courthouse Hotel. Dort
sah ich ein paar Betrunkenen beim Karaoke singen zu. Das war spitze. Ich
amüsierte mich bis etwa Mitternacht. Ein Kerl, der schon seit ich im Kelly’s
ankam zu mir rüber schielte, hatte endlich seinen Mut zusammengefasst und
fragte: „Bist du öfters hier?“. Ich will jetzt nicht grausam klingen, aber ich
habe innerlich mit den Augen gerollt und beschlossen, dass es Zeit ist nach
Hause zu gehen.
Auf dem Weg
nach Hause, traf ich zwei Jungs, die eine sehr betrunkene Dame stützten. Sie
lallte mir ein paar freundliche Worte zu und wir begannen ein Gespräch. Die
beiden Herren waren ihre Mitbewohner und waren im Begriff, sie nach Hause zu
verfrachten. Sie konnte nicht mehr anständig gehen, war aber noch sehr
gesprächig. Da die Jungs sie schon eine Weile stützten und wir nahe voneinander
wohnen, bot ich meine Hilfe an. So transportierten wir sie ein paar hundert
Meter, zwei Stockwerke hoch und in ihr Zimmer mit Teppichboden. Sie hat sich
dann auf Denselbigen und meine Arme übergeben. Ich brachte sie in die stabile
Seitenlage, legte eine Plastiktüte bereit und wusch mein Oberteil im Lavabo der
WG. Ich bin halt ein hilfsbereiter Mensch… Danach wünschte ich allen eine gute Nacht und
ging nach Hause.
Am nächsten
Morgen wusch ich meine Klamotten und ging zum Rugby League Spiel der Herrenmannschaft
meiner Uni. Wir im Frauenteam wurden dazu ermutigt, ein Spiel zu besuchen,
damit wir unsere Teamkameraden kennenlernen. Gesagt getan. Es war ein kleines
aber feines Stadion in Marrickville. Zuerst spielte mein Team gegen die
Macquairie University. Sie gewannen mit etwa 18 Punkten Vorsprung. Eine andere
Spielerin, Gaby, war auch da. Wir unterhielten uns über das Spiel und sie
stellte mir ihren Freund Kurt vor, der auch im Team ist, aber momentan, wegen
seiner Verletzung nicht spielt. Es war ein schöner sonniger Tag. Das Stadion
ist von Hügeln umgeben und mitten in einer Wohnsiedlung mit vielen Einfamilienhäusern
mit Gärten. Wir sassen auf der kleinen Tribüne. Die Leute auf den Hügeln veranstalteten
ihre Barbecues während dem das Spiel lief. Alles war recht gemütlich und
familiär.
Nach dem
Unispiel traten die Newtown Jets gegen die Wyong Roos (kurz für Kangaroos) an.
Da Newtown recht nahe bei Marrickville und somit dem Stadion ist, sind die Fans
zahlreich erschienen. Da es kurz vor dem Anzac Day war, wurde eine Ansprache
zum Gedenken an die Soldaten gehalten und ein Stück auf der Trompete gespielt.
Ein Marsch, den die Soldaten am Ende eines Tages auf dem Schlachtfeld hörten,
gefolgt von einer Schweigeminute. Das nehmen die Leute sehr ernst. Einer bekam
einen Anruf während der Ansprache und ging ran. Irgendwann drehte sich ein
älterer Herr zu ihm und schnauzte ihn an: „Oi, shut up cunt!“ (zu Deutsch: „Hey, halt di Fresse, du F**ze!“). Ich sag’s ja…
Manche Australier fluchen wie die Kesselflicker. Dem Befehl wurde sofort Folge geleistet.
Nach der
ersten Halbzeit des Spiels Jets gegen Roos
ging unser Männerteam in ein Tennisklubhaus in der Nähe auf ein Bier und
für eine Besprechung über, wer wieviel Strafgeld schuldig ist. Gaby und ich
wurden dem Team vorgestellt. Die Jungs waren sehr nett, aber leider schwer zu
verstehen. Da gibt es so ein Phänomen. Wenn die australischen Männer unter sich
sind, wie in einer Mannschaft, entwickeln sie einen progressiv stärker
werdenden Akzent. Das hört auf sobald man mit ihnen unter vier Augen spricht.
Nachdem das Treffen offiziell vorbei war, ging ich nach Hause um für die Kurzreise
nach Ulladulla zu packen.
Ich
beschloss am Abend „Harry Potter and the order of the Phoenix“ auf meinem Bett zu
schauen und zu stricken. Während des Films machte es auf einmal „Rums“ und ich
sass auf dem Boden. Ein Teil des Bettrahmens war eingestürzt. Ich schrieb
David, wegen meiner misslichen Lage und er versprach Hilfe. Ich schlief auf der
unbeschädigten Seite.
Am
Sonntagmorgen holte mich David mit seinem Auto ab und hatte schon einen
Capuccino für mich am Start. Wir fuhren eine Weile bis wir in Berry waren. Es
staute sich alles ein wenig, weil es dort die besten Doughnuts geben soll. Ich
bin nicht der Doughnut Typ, aber David war sehr glücklich mit seiner
ringförmigen, süssen, frittierten Beute.
Wir kamen
gegen zwei Uhr in Ulladulla bei der Unterkunft an. Das Haus stand auf einem
Hügel oder Klippe. Man konnte das Meer und den Wind hören. Clare, die
Gastgeberin zeigte uns unseren Bereich, das untere Stockwerk. Sie hatte einen
recht gemütlichen Strandhausstil bei der Einrichtung gewählt. Die Air B’n’B Gastgeberinnen
sind so viel besser im Einrichten als ich. Clare ist auch Masseuse, weshalb ich
meine erste Massage buchte. Eine halbstündige Rückenmassage für den nächsten
Tag.
Wir assen
italienisch und schauten uns in der Unterkunft dann „The sound of music“ (1965)
mit Julie Andrews und Christopher Plummer an. Ich kannte den Film noch nicht.
Der Film war sehr schön. Die Landschaft der Österreichischen Alpen hat bei mir natürlich
das Heimweh geweckt. Es gibt eine Stelle an der der Onkel mit der Vorlobten
seines Bruders im Garten sitzt und die Kinder etwas traurig aussehend zu ihm
gehen. Er fragt dann: „What’s the matter with all you gloomy pussies?”. Im heutigen Kontext klingt das
einfach zum Schiessen. Da sieht man mal wie die Sprache sich verändern kann.
Am nächsten
Morgen gingen wir nach Milton zum Brunchen. Als wir im Auto an ein paar Kindern
vorbei fuhren, haben die uns zugewinkt. Das kannte ich noch nicht. Die haben
keinen Streich gespielt oder so, die wollten einfach nur winken und sehen wie
wir zurückwinken. Das war recht ungewöhnlich für mich.
Wir gingen
anschliessend an einen Strand namens Mollymook Beach und genossen das schöne
Wetter. Wieder in der Unterkunft schaute David James Bond während dem ich meine
Rückenmassage bekam. Mein Rücken war so entspannt, wie schon lange nicht mehr.
Wir wollten danach in ein deutsches Restaurant in Milton, namens „Hansi’s“. Es
war allerdings schon ausgebucht. „Damn Hansi’s“ war unser neuer Running Gag.
Wir hatten uns wirklich auf Deutsche Hausmannskost gefreut. Stattdessen assen
wir thailändisch.
Am Dienstag
war es dann soweit. Der Anzac Day begann. Die Festivitäten starten für
gewöhnlich mir einer Wache die im Morgengrauen (5 oder 6 Uhr morgens) gehalten
wird. Das war die Uhrzeit, in der die Soldaten des Australischen und Neuseeländischen
Armee Corps des ersten Weltkriegs in Gallipoli in der Türkei landeten. Wir
wollten lieber ausschlafen und gingen stattdessen nach dem Frühstück an die
Parade in Milton. Sie war recht klein und wir verpassten die Marchingband,
sahen allerdings die Veteranen. Zum Teil marschierten auch nur Angehörige der
Soldaten mit den eingerahmten Orden in der Hand.
Nach der
Parade gab es ein paar Ansprachen und Lieder für die Veteranen und ihre
Angehörigen. Es war sehr spannend und ich haben wieder das eine oder andere
über die Beteiligung der Anzacs im ersten Weltkrieg gelernt. Nachher gingen wir
einen Kaffee holen und machten uns auf den Weg nach Shellharbour für das „2-up“
Glücksspiel. Das Spiel ist nur am Anzac Day erlaubt von morgens bis sechs Uhr
abends. Danach ist es wieder für den Rest des Jahres illegal. Das Spiel
funktioniert folgendermassen. Man nehme drei Münzen, einen „Münzenwender“, einen
Münzenwerfer (Person), einen Aufpasser und mindestens zwei Bieter. Man wettet
entweder, dass beim nächsten Wurf die Mehrheit der Münzen Kopf oder Zahl zeigen
wird. Wer auf Kopf setzen will, hält den gewünschten Einsatz in die Höhe. Wer
dagegenhalten will, geht zum Geldwedelnden und reicht den eigenen Einsatz ein.
Dann wirft der Münzenwerfer, die auf einem Münzenblech platzierten drei Münzen
in die Luft. Das Ergebnis wird so gleich ausgerufen und das Geld geht an die
Gewinner. Dieses Spiel haben die Anzacs in den Schützengräben gespielt. Es gibt
unzählige Bars, Pubs, Hotels und andere Lokale, die dieses Spiel am Anzac Day
anbieten.
Ich habe
einfach eines ausgesucht, welches auf dem Nachhauseweg nach Sydney lag und bin
so auf Shellharbour gestossen. Im Shellharbour Hotel gab es zwei grosse Bereiche. Im einen Bereich
befand sich der reguläre Bar- und Restaurantbetrieb und im anderen war die 2-up
Arena. Ich trank zuerst ein Bier im normalen Bereich. David war der nüchterne
Fahrer. Ich hatte ausgetrunken und wir gingen rüber am Türsteher vorbei in die
Arena. Der Raum war voller Leute, die einen Kreis bildeten. Um den inneren
Kreis standen noch mehr Menschen auf kleinen Tribühnen. Es war laut. Etwa 200 zum
Teil angetrunkene Australier standen im Kreis um den Münzenwerfer und die Kontrolleure
und brüllten und wedelten mit Geld auf der Suche nach einem Gegenspieler. Ich
war recht eingeschüchtert. Wenn der
Münzenwerfer, die Münzen nicht wunschgemäss geworfen hatte, wurde er ausgebuht.
Die ganze Situation erinnerte mich an alte Bilder der Börse, bei der die Broker
im Kreis um eine Person stehen, mit Scheinen rumwedelten und laut brüllen. Ich
holte mir ein zweites Bier und ging im Raum herum, um in Ruhe einen Spieler zu
finden. Ich schaute mir zwei oder drei Runden an und bemerkte dann eine Frau,
die noch einen $ 10 Schein in der Hand hatte, ihn aber nicht hoch hielt. Ich
bot ihr an auf Zahl zu setzen und sie willigte ein. Ich verlor. Wir schauten
uns das Spektakel noch ein wenig an. Später auf der Toilette traf ich eine
Dame, die gut angetrunken war und wie so einige einen Thymianzweig an ihre
Bluse angesteckt trug. Ich sprach sie auf den Thymianzweig an. Sie erklärte
mir, dass das als Symbol für Galllipoli stehe, weil Thymian dort eine
einheimische Pflanze sei. Sie gab mir daraufhin ihren Anstecker und meinte, ich
könne ihn haben, ihr würde er sonst ständig in ihren Drink fallen. Ich bedankte
mich und ging wieder zu David.
Wir machten
uns wieder auf den Weg. Wir wurden irgendwann hungrig, aber glücklicherweise
waren wir in der Nähe von Cranulla und einem sehr guten Fish’n’Chips Imbissstand.
Nach dem Essen ging es dann endgültig Heimwärts. Wir waren beide recht müde.
David war allerdings sehr lieb und reparierte mein Bett noch, dass ja am Abend
vor meiner Abreise einfach zusammenkrachte. Danach ging er zu sich nach Hause
und ich ging ziemlich früh schlafen.
Das war am
Dienstag, 25. April. Danach ging die Uni
wieder gemächlich los mit dem HTML/CSS Kurs am Mittwoch, einer Arbeit für den
Social Media Communication Kurs am Donnerstag und wieder Vorlesungen am
Freitag. Am Freitagabend fand der Postgraduate Ball statt.
Ellyna und
ich bretzelten uns auf und trafen uns vor Ort. Der Ball fand auf dem Campus im
Holmes Building in der grossen Halle statt. Es war alles wunderbar
eingerichtet. Man hat uns für sechs Uhr abends bestellt und im Foyer Wein,
Champagner und Appetithäppchen gereicht. Ich unterhielt mich mit Ellyna und war
überrascht, wie viele Gruppenfotos die Leute machten. Es war halt ein anderes
Völkchen als ich mir sonst gewohnt bin. Man liess uns irgendwann auf unsere
Plätze im Saal. Mein Glas wurde immer schnell aufgefüllt. Den anderen Gästen
ging es gleich. Die SUPRA (Studentenvereinigung der Postgraduates) und USU
(Studentengewerkschaft) haben den Abend organisiert. Deshalb hielten sie ein
paar Reden. Es war nichts sonderlich spannend und die Leute waren angetrunken,
weshalb die Aufmerksamkeit schwand. Irgendwann waren die Reden zu Ende und der
Hauptgang wurde gereicht.
Ich hatte
ein Rindsfilet mit Gemüse. Wir sassen mit ein paar Medical Science
Masterstudentinnen am Tisch. Sie schossen etwa 80 Fotos von einander, sich
selbst und dem Essen. Dieser offene Narzissmus war mir dann nach einer Weile etwas
zu obszön und so gingen Ellyna und ich auf die Tanzfläche. Die Musik war popig.
Nicht mein Ding, aber das war zu erwarten. Wir tanzten trotzdem. Der DJ schien
etwas beleidigt, wegen meiner Frage, ob man „Come on Eileen“ von den Dexy’s Midnight
Runners laufen lassen könnte. Irgendwann verabschiedete sich Ellyna. Ich blieb und unterhielt mich mit einer
Gruppe. Die wollten noch ins Malborough Hotel in Newtown gehen. Ein recht
beliebter Club/Pub. Ich war da mal mit Jacob, dem Norweger. Der übrigens erst
kürzlich im norwegischen Fernsehen eine Rolle in einer Folge einer Serie
spielte.
Ich sagte
ihnen, dass ich zuerst die Schuhe Zuhause wechseln möchte und später nachkäme.
Ihr könnt’s euch denken. Ich kam da nie an. Bei mir zu Hause. Warf ich die
Stöckelschuhe in die Ecke, zog meinen Pyjama an, bestellte eine Pizza, plauderte
mit meiner Schwester via Messengeranruf und schlief ein, bevor die Pizza
geliefert wurde.
Wir sahen
uns den Horrofilm „Get Out“ an. Dabei geht es um einen Schwarzen
Hauptdarsteller, den seine weisse Freundin das erste Mal ihren Eltern
vorstellen will. Diese wohnen in einer abgeschiedenen Gemeinde mit der etwas
nicht stimmt. Die Schwarzen in der Gemeinde sind nicht sehr zahlreich und
benehmen sich recht merkwürdig. Mehr sage ich dazu jetzt nicht. Ich fand den
Film ok. Allerdings war er für mich nicht sehr furchteinflössend.
Wir sahen
die Vorschau für den Film „It“ von Stephen King. David möchte den unbedingt
sehen. Ich fand aber schon die Vorschau eher witzig. In einer der letzten Ausschnitte
sind zwei Jungen in der Kanalisation und „It“ (ein furchteinflössender Clown)
rennt bei flackerndem Licht schreiend auf das eine Kind zu, während dem er den
Kopf schüttelt, wie ein sabbernder Hund. Ich fand das eher lustig. Ich fürchte
mich eher bei Filmen, bei denen man die menschlichen Abgründe sieht, die
richtig anstrengend zum Hinschauen sind. Saw und The Cube kommen mir da spontan
in den Sinn.
Am Sonntag
gingen wir zuerst zum Marrickville Market. Ich kaufte Gemüse und Ohrringe. Das
Gemüse ist so viel billiger dort als im Kaufhaus. Anschliessend gingen wir zu
Target, um ein paar Dinge zu kaufen. Danach legten wir uns im nahegelegenen
Victoria Park noch etwas in die Sonne bis David zu seinem Catanspiel musste.
Ich traf
Camilla später noch. Wir spazierten durch Darlington und Newtown. Sie erzählte
mir von ihrer Jobsuche und ich ihr von meiner. Wir assen zusammen zu Abend im
Courthouse Hotel. Es ist toll mit ihr Zeit zu verbringen. Wir sind beide sehr
ehrlich und direkt. Dazu kommt noch, dass wir beide Ausländerinnen sind und Ähnliches
durchmachen oder erleben im guten wie im schlechten Sinne.
Am Montag
dem 1. Mai, ging ich das erste Mal seit Ewigkeiten nicht demonstrieren. Das
liegt schlicht daran, dass der 1. Mai hier kein Feiertag ist und nicht einmal
die hartgesottensten Sozialisten an dem Tag auf die Strasse gehen. Zudem ist
mein Recht auf Demonstrationen nicht so ganz dasselbe wie in der Schweiz.
Stattdessen
ging ich an ein Bewerbungsgespräch. Es lief recht gut. Dachte ich. Ein paar
Tage später hiess es dann, man sei von meinem Lebenslauf und mir recht
beeindruckt, aber jemand mit mehr Designerfahrung habe die Stelle bekommen. Ich
suche dann mal weiter.
Am Mittwoch
war wieder HTML5 und CSS angesagt. Es ist immer noch recht frustrierend, wird
allerdings langsam besser. Nachher ging ich zum Rebelladen (Sportgeschäft), um
mir ein paar Sportklamotten zu kaufen. Ich habe nichts von der Schweiz mitgenommen
in der Richtung. Ich habe $160 liegen gelassen. Das hat geschmerzt. Ich habe
mir lediglich ein Shirt für $40, Shorts für $30, Tights für $40, ein Stirnband
und zwei Amediesli geholt…
Die werden
wenigstens länger halten als die Kmart Leggins. Die pfeifen schon auf dem
letzten Loch. Nun war ich voll ausgestattet und ging nach Concord zum Goddard
Park für das erste offizielle Rugby Training des „Sydney University Women’s Rugby
League“-teams. Ich weiss, ein sehr langer Name. Die „Basler Birds“ waren etwas
einfacher.
Wir waren
drei Mädels plus Elizabeth, die eine führende Position innehat und Phil, der
Coach. Er selbst hat für die Uni gespielt und musste auf Grund einer Verletzung
aus dem aktiven Sport zurücktreten. Er trainiert jetzt Männer und Frauen, hat
eine eigene Baufirma und Fitnessstudio. Er war sehr nett zu uns und hat das
Training sehr spassig gestaltet. Beim Sprinten habe ich mir dann irgendwas
angetan. Keine Ahnung was, aber ich konnte danach kaum noch gehen. Ich rief
also David an und bat ihn mich abzuholen. Elizabeth fuhr uns Mädels netterweise
noch nach Strathfield zum Bahnhof. Dort gab es einen Pub. In dem tranken
Camilla, Kim und ich ein Bier auf das erste offizielle Training. Camilla kennt
ihr ja schon. Kim ist aus Südafrika und spielt auch zum ersten Mal Rugby wie
Camilla. Die beiden sind im selben Studiengang Master of Logistic und Supply
Management, wenn ich mich nicht täusche.
Ich hatte
meinen Sydney University Pullover an als ein Kerl mich auf einmal scherzhaft
ausbuhte. Ich fragte ihn, warum er das tue. Er wies auf seinen Pullover hin.
Ein Western Sydney University Pullover. Das ist nichts persönliches, aber wir
sind Rivalen und ich war nun mal im Westen der Stadt. Mein Angebot, vor die
Türe zu gehen, lehnte er dann doch ab. Er war auch nur zwei Köpfe grösser als
ich. Das wäre ihm gegenüber nicht fair gewesen.
Kurze Zeit
später war David da und fuhr mich zu sich. Auf meinen Wunsch. Ich schlafe gerne
neben ihm und sein Bett ist sehr viel bequemer als meines. Er fand die ganze
Situation mit meinem etwas unglücklichen ersten Training eher witzig und ermahnte
mich, ich solle mich besser eindehnen beim nächsten Mal.
Am nächsten
Morgen ging ich gemächlich wieder zu mir nach Hause und schrieb weiter an
meiner Präsentation für Internet Governance. Es war ein hochspannendes, aber
auch sehr bedrückendes Thema: Die Überwachung und Manipulation unserer Daten
durch den Staat, die Privatwirtschaft und Kriminelle. Abends ging ich dann mit
David Dumplings in Newtown essen und anschliessend zu mir nach Hause, wo wir „Fantastic
Beasts and where to find them“ schauten. Das hat mich dann doch etwas
aufgeheitert.
Am Mittag
war ein Treffen der German Society und ich ging hin. Sie trafen sich in Herman’s.
Wir sprachen über die kommende Eurovision Songcontest Veranstaltung der Europäischen
Societies. Sophie lud mich dann zum Cinco de Mayo Pub Crawl der Global Exchange
Society ein für den Abend. Aber zuerst musste ich noch schnell in die Vorlesung
für Internet Governance. Ich musste ja präsentieren.
Die Präsentation
lief meinen Kommilitonen zufolge gut. Die Dozentin ist dabei allerdings
eingeschlafen. Das ist mir noch nie passiert und ich finde es irgendwie zum
Schiessen. Als ich es bemerkte, habe ich mich so laut und so unauffällig
geräuspert wie ich konnte. Dabei schreckte sie hoch und war wieder bei der
Sache. Zu ihrer Verteidigung, wir waren die dritte Vorlesung von selben Jahr
und Fach für sie an dem Tag.
Nach der
Vorlesung ging ich nach Hause und machte mich langsam für den Cinco de Mayo
Pubcrawl der Global Exchange Society bereit. Wir trafen uns im Two Wolves bei
Tacos, Nachos und Sangria. Ich lernte einige nette Leute kennen. Wir gingen
danach in eine Cubanische Bar mit einem Haufen Sand am Boden. Von da aus ging
es dann in einen Club in the Rocks. Das ist der älteste Teil der Stadt und
sieht etwas wie Hobart aus. Der Club war nicht mein Fall, die Leute mochte ich
jedoch. Wir nahmen dann gegen Mitternacht noch den Zug nach Redfern und ich war
gegen halb eins zu Hause. Am Samstag
nahm ich es sehr gemütlich und schlief lange aus.
Gegen
frühen Nachmittag traf ich David dann nahe der Redfern Station. Da wir in
Ulladulla zwei Wochen zuvor Pech mit Hansi’s Restaurant hatten, beschlossen wir
in Sydney ins „Essen“ Restaurant zu gehen. Das ist am Broadway und ich hatte
dort letztes Semester einen tollen Abend mit der German Society. Ausserdem hatte
ich Lust auf Rösti, Bratwurst und Rotkraut. Das kriege ich hier sonst nirgends.
Wir reservierten einen Tisch und gingen zu Fuss eine Stunde, weil wir gerade
Lust auf einen Spaziergang hatten.
Im
Restaurant gab es leider einen technischen Fehler mit der Maschine, weshalb wir
über eine Stunde auf das Essen warteten. Als es dann allerdings an unserem
Tisch endlich ankam sah es super aus. Wir bestellten eine Fleischplatte
inklusive Röschti, Rot- und Sauerkraut. Es gab Schweinenacken, drei
verschiedene Würste, das exorbitante Schnitzel und ein Rindsfilet mit Jäger-
und Bratensauce. Das war sooooooooo lecker. Die Kellnerin hat sich sehr
entschuldigt für die lange Wartezeit. Wir bekamen ein Dessert aufs Haus und
liessen uns das einpacken. Wir gingen zu Fuss wieder nach Hause. Diesen Spaziergang
hatten wir bitter nötig. Bei David zu Hause haben wir das Dessert dann noch
verspiesen.
Am Sonntag
gingen wir gegen späten Vormittag nach Coogee. Es war sehr schön dort,
allerdings wurde ich etwas schwermütig beim Gedanken, dass ich nun einige
Monate nicht mehr im Meer schwimmen kann. Es wird kälter und so watete ich mit
David durch das Wasser. Wir beschlossen noch zum Birkenhead Point Outlet
Shopping Center zu gehen, damit ich mir Stollenschuhe holen kann. Etwa
eineinhalb Stunden später habe ich dann mein paar Nike Stollenschuhe für $ 55
(!)und David ein paar Joggingschuhe sowie eine Regenjacke gekauft. Ich mag die
Shopping Center hier. Ich kann euch nicht mal genau sagen warum.
Danach gingen
wir zu mir und schauten „The immaginarium of Dr. Parnassus“ auf dem Laptop an.
Es ist Heath Ledgers letzter Film. Es geht um eine Schaustellergruppe die durch
das vereinigte Königreich reist und Leute dazu überredet ins Immaginarium des
Dr. Parnassus zu gehen. Dort sehen sie ihre tiefsten Wünsche manifestiert.
Irgendwann müssen sie sich dann zwischen zwei Dingen entscheiden. Die eine
Lösung ist selbstlos und die andere egoistisch. Wählen sie die selbstlose,
kommen sie als quasi Erleuchtete wieder aus dem Immaginarium heraus. Ansonsten
sammelt der Teufel ihre Seelen ein. Ein wirklich toller fantasy Film.
Am Montag
und Dienstag arbeitete ich an meiner Präsentation für die Webdesign Vorlesung
und bereitete meine erste Kürbissuppe zu. Ganz zur Freude meiner Mitbewohner,
die sich natürlich bedienen durften. Die
Suppe kam sehr gut raus. Ganz anders als das Webdesign Projekt. Ich krieg das
unsägliche Photoshop auf keinen meiner beiden Laptops zum laufen. Hab die
Mock-ups dann einfach auf Paint gemacht. Ich musste ja irgendetwas
präsentieren.
Am Mittwoch
war dann die Präsentation und es war ok. Alle mussten präsentieren, so dass
nicht viel Zeit blieb. Ich fühlte mich allerdings nicht zu fit. Meine erste
Erkältung seit Mai 2016 hat sich da angekündigt. Nach der Vorlesung nahmen Eloïse
und eine weitere Kommilitonin den Shuttlebus von Rozelle zurück zum
Hauptcampus. Wir wollten zur Eurovision Songcontest Veranstaltung der
Europäischen Societies in Herman’s Bar. Als wir um zwei ankamen, waren wir
recht hungrig und es war noch nichts fertig aufgebaut. So ging Eloïse zu ihrem
Wohnheim und ich holte mir mit der Kommilitonin einen Imbiss. Ich habe ihren
Namen vergessen. Nach dem Mittagessen war sie mir auch nicht mehr sehr sympathisch.
Wir sassen
da mit unserem Essen und aus dem Nichts heraus fragt sie mich über die
Calvinisten in Genf. Ich sagte, dass ich darüber so gut wie gar nichts weiss.
Dann fragte sie, wie religiös die Schweizer denn seien. Ich sagte, dass ich da
die Statistiken nicht kenne, aber ich sei Atheistin. Dann ging’s erst recht
los. Ohne Gott, habe man kein Gewissen, keine Moral und keinen inneren Kompass.
„Der Baum da, ja genau der da, das ist ein Beweis für Gottes Existenz.“,
predigte sie. Ich gebe zu, ich hätte sie auch früher abwürgen können.
Allerdings hatte ich schon länger keine intensive Christin gegen Atheistin
Debatte. Ich habe leider nicht wirklich etwas Neues erfahren. Wenigstens hat
sie nicht gesagt, sie würde für mich beten. Das kann ich nämlich gar nicht
leiden. Ich ging dann wieder nach Hause und die Erkältung nahm ihren Lauf.
Am
Donnerstag lag ich zu Hause rum und bereitete meine Readings vor. Am Freitag
war ich recht müde und kaputt. Nach der Vorlesung am Morgen ging ich wieder
nach Hause ins Bett und liess mich für den Nachmittag entschuldigen.
Am Samstag
ging es mir dann schon um einiges besser, so dass ich meine Wäsche machte und
David später traf. Es war ein wichtiger Abend für ihn. Seine geliebten Giants
traten gegen die verhassten Magpies an. Seit die Giants 2009 gegründet wurden,
haben sie die Magpies noch nie geschlagen. Dementsprechend war David auch
aufgeregt. Das Spiel fand im Olympischen Dorf statt. Die Magpies Fans waren
sehr zahlreich, obwohl es ein Melbourner Team ist. Das erste Quarter startete
eher schlecht, da einer der Hauptverteidiger in den ersten Sekunden seinen
Nacken verletzte. Er konnte vom Feld gehen. Danach war es ein Kopf an Kopf
Rennen. Etwa 40 Sekunden vor dem Ende kickten die Giants noch ein Tor und
gewannen 102 zu 99 gegen die Magpies. David flippte vor Freude aus.
Ein sehr
unterhaltsamer Teil fand in den Rängen hinter uns statt. Ein Spieler namens
LLyod mit der Nummer 38 wechselte vor kurzem zu den Giants und hatte an dem Tag
sein erstes Spiel. Seine Freunde kamen von der Central Coast und waren sein
inoffizielles Cheersquad. Es waren etwa 20 Typen die inbrünstig „LLYODIE!
LLYODIE!“ oder „LLYODIE HAS A MASSIVE DICK!“ brüllten. Es war sehr
unterhaltsam. Ich bin sicher Llyod wusste es zu schätzen.
Nachdem der
Sieg richtig ausgekostet wurde, machten wir uns auf den Weg zum Zug. In
Lidcombe sollten wir umsteigen, waren aber sehr hungrig. So beschlossen wir
stattdessen in einem Hinterhof ein koreanisches Barbecue zu essen. Es war
äusserst lecker, aber wir rochen danach sehr stark nach Rauch. Anschliessend
gab es noch etwas Eiscrème bei David zu Hause.
Am Sonntag
brunchten wir wieder an der Abercrombie Street im Shortlist Café. David musste
danach Custard machen und ich ging nach Marrickville. Dort kaufte ich wieder
tonnenweise günstiges Gemüse. Ich mache wahrscheinlich noch eine Suppe. Seither
bin ich wieder daheim und schreibe am Blog.
Diesen
Samstag gehen David und ich in die Oper „La Calisto“ im Sydney Conservatorium of Music. Das wird
unsere erste Oper. Am nächsten Tag gehe ich dann an ein Mittelalterfest in
Blacktown. Ich weiss allerdings noch nicht, on ich das in Gewandung oder in
zivil tun werde.
Ich hoffe
ihr seid alle wohlauf und geniesst den Frühling, ihr nördlichen Hemisphärler.
G’day und
bis demnächst.
pirania light.
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